Christiane Grefe kommentierte die Studie bei der Präsentationsveranstaltung am 14. Oktober 2008 in Berlin.
Grüne Bibel reloaded
Im Augenblick einschneidender Ereignisse werden manche Arbeiten auf einmal ganz anders wahrgenommen. So hätte vor dem Zusammenbruch der Finanzmärkte vermutlich niemand so interessiert auf ein Buch von Friedrich Merz geschaut, das den Titel trägt: »Mehr Kapitalismus wagen«. Oder Erwin Wagenhofers Film »Let´s Make Money« wirkt, als wäre er zielstrebig in die Finanzkrise hinein gedreht worden, die Leute strömen in Scharen hinein. Dabei war das, was der Regisseur gezeigt hat, schon lange absehbar, nur verdrängt. Auch bei Ihrer Studie »Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt« scheint es, als wäre eine der zentralen Erkenntnisse auf die aktuelle Debatte hin formuliert: Auf einmal waren ja alle schon immer der Meinung, dass der Markt nicht sich selbst überlassen werden dürfe; dass er globale Regelwerke brauche und Politik und Staat wieder eine gewichtige Rolle zu spielen hätten. Dabei wäre das Buch ohnehin von großer Dringlichkeit gewesen mit seinem noch viel grundsätzlicheren Anliegen: die vernachlässigte globale Gerechtigkeit und Fairness, aber auch Gerechtigkeit innerhalb der Staatengrenzen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und des Regierungshandelns zu rücken.
„Und wenn der Spiegel die erste Studie vor zwölf Jahren als »Bibel des Jahrtausends« lobte, so könnte man heute von einer »Bibel reloaded« sprechen.“
Als Journalistin möchte man ja gern möglichst kritisch kommentieren, aber ungern sage ich: das ist mir bei dieser Studie leider schwer gefallen. Ein Missbehagen gab es: Das Buch ist so umfassend geworden, dass man sich kaum daran heranwagt. Doch auch dieser Einwand hat noch eine positive Seite: Man bekommt eine umfassende Sammlung der wichtigsten Daten zum Zustand der Welt und vor allem das, was bei der Alltagslektüre immer zu kurz kommt: die Darstellung von Zusammenhängen. »Zukunftsfähiges Deutschland« zeigt, dass Probleme wie der Klimawandel, die Agrarkrise und auch die Finanzkrise Verbindungen und gemeinsame Wurzeln haben und dass daher auch die Lösungen nicht unabhängig voneinander gefunden werden können. Und wenn der Spiegel die erste Studie vor zwölf Jahren als »Bibel des Jahrtausends« lobte, so könnte man heute von einer »Bibel reloaded« sprechen.
Über ein so umfassendes Werk ließe sich natürlich Vieles sagen, doch nur drei Punkte möchte ich in der Kürze der Zeit hervorheben:
1. Neben dem Denken in großen Zusammenhängen ist es die Schonungslosigkeit, die ich schätze an dieser Studie. Es ist ein Buch für all jene, die sich nichts vormachen wollen oder sollten. Es gibt ja zwei Denkschulen in der Ökologie-Debatte. Die vermutlich einflussreichere geht davon aus, man dürfe Konsumenten und Wähler nicht durch allzu viele »Horrorszenarien« verschrecken. Ich gehöre der anderen Schule an, meines Erachtens spüren und wissen die meisten Bürger längst, dass der Wandel zur Nachhaltigkeit tiefer greifen muss als bisher. Deshalb sind sie bei Beschwichtigungsformeln eher verstimmt, als wenn ihnen konkrete, plausibel begründete und gerechte Schritte zu einer Veränderung ihrer Konsumgewohnheiten abverlangt werden. Die Wahrheiten im »Zukunftsfähigen Deutschland« sind ja nicht erfunden und durchaus noch unbequemer sind als - zumindest anfangs - bei Al Gore. Die Analyse des Klimawandels etwa: Im vergangenen Jahr 2007 waren ja alle sehr erschüttert, eine Kaskade von Ereignissen und Berichten zeigte Wirkung: der Stern-Report, die Berichte des Weltklimarates IPCC, der Hurrikan Kathrina, Al Gores Film, schließlich die Nobelpreise und die Klimakonferenz in Bali. So umfassend war nun die öffentliche Aufmerksamkeit, dass niemand mit einem Gewöhnungseffekt gerechnet hätte. Jetzt aber reden einige Klimaforscher und -politiker schon vom Backlash - der politischen Debatten wie der politischen Praxis. Umso besser, wenn die Studie in diesem Moment nicht nur an die Erkenntnisse und Beschlüsse vom letzten Jahr erinnert, sondern mit der Dringlichkeit noch weiter geht:
- Indem sie vorrechnet, dass die Parts per million und CO2-Obergrenzen, die derzeit von den Regierungen selbst der EU und der Bundesrepublik angepeilt werden, mit höchster Wahrscheinlichkeit noch zu niedrig sind, um eine katastrophale Entwicklung zu verhindern.
- Indem sie zeigt, wie sehr der Klimawandel »die Summe aller Fehler« ist, wie das Sunita Narain einmal formuliert hat; wie er mit der Ressourcen- und Agrarkrise zusammenhängt, und beide generell mit unserer Art des Wirtschaftens.
- Indem sie überdies schildert, dass die Herausforderung noch größer wird, wenn man den globalen Gerechtigkeitsanspruch wirklich ernst nimmt, das heißt: wenn die Verursacher des Klimawandels die Verantwortung für ihre ungleich höheren Emissionen der letzten Jahrzehnte übernehmen und zudem die ärmeren, höher gefährdeten Länder bei der Anpassung an den Klimawandel unterstützen. Und das ist nicht nur ein moralisches Gebot – das ist es auch und keineswegs an letzter Stelle – sondern zugleich eine Frage der Sicherheit für alle, auch für die reichen Nationen.
Wir müssen uns klimapolitisch also noch mehr anstrengen als gedacht, das macht die Studie deutlich. Und: Wir müssen dabei noch schneller sein. Das heißt: wir dürfen nicht, wie Energie- und Auto-Lobbies versuchen, schon wieder am Emissionshandelssystem herumnagen oder die CO2-Obergrenzen der Fahrzeuge auf der politischen Ebene verwässern. Um nur einige Beispiele zu nennen.
„Wenn man »Zukunftsfähiges Deutschland« gelesen, hat, dann verstärkt sich auch das Misstrauen gegen den sich ausbreitenden munteren Konsens, der sich auf die gewiss begrüßenswerte, aber einseitige »ökologische Industriepolitik« beschränkt und suggeriert, sonst müsse sich nicht viel ändern.“
2. Das zweite zentrale Verdienst der Studie ist ihr – natürlich wissenschaftlich begründeter - Angriff auf die Nachlässigkeit, mit der viele den Nachhaltigkeitsbegriff verwässert haben. Üblicherweise wird Nachhaltigkeit als gleichschenkliges Dreieck mit den Seiten Wirtschaft, Ökonomie und Ökologie verstanden. Doch diese Definition ist meines Erachtens eine Ursache dafür, dass es trotz einer jahrzehntelangen Ökologiedebate noch immer nur zu einer »Kurskorrektur ohne Kurswende« gekommen ist, wie die Autoren schreiben. Denn Kompromisse sind notwendig in einer Demokratie, aber es gibt eine Ausnahme: die Naturgesetze, die den existenziellen Rahmen bestimmen. Für mich ist der vielleicht wichtigste Kernsatz der Studie daher, alles andere als neu, aber seit 15 Jahren verdrängt: »Das soziale System ist ein Subsystem der Natur, das ökonomische ein Subsystem des Sozialen«.
Wer diese Definition der Ökologie ignoriert, wird meines Erachtens der Dramatik des Klimawandels nicht gerecht werden können. Sie dürfte vielen Ökonomen nicht gefallen, und auch nicht dem Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, der die »Ökologielastigkeit« grünen Denkens kritisiert und mit »Augenmaß« die Wirtschaft schont - mag das noch so wenig zur Dramatik auch seiner eigenen Analysen passen. Wenn man »Zukunftsfähiges Deutschland« gelesen, hat, dann verstärkt sich auch das Misstrauen gegen den sich ausbreitenden munteren Konsens, der sich auf die gewiss begrüßenswerte, aber einseitige »ökologische Industriepolitik« beschränkt und suggeriert, sonst müsse sich nicht viel ändern. Doch es wird nicht ausreichen, weiterhin selbst über kurze Distanzen das Flugzeug zu nehmen und die CO2-Emissionen anschließend frei zu kaufen; den Strom nur ein bisschen anders bereitstellen, aber weiterhin laufend neue Strom- und Ressourcenverbrauchsquellen zu produzieren. Und es bleibt ein kollektiver Selbstbetrug, zu glauben, man könne eigentlich alles so weitermachen - nur ein bisschen grüner. »Unter Heizpilzen BioFood essen«, so wird diese Schizophrenie sehr schön auf den Punkt gebracht. Wenn es nur das wäre: »Gas geben und Meilen sammeln«: diese Mietautowerbung trifft noch immer weitgehend die Mentalität. Eine Änderung des Lebensstils und der Kultur des Zusammenlebens ist notwendig: Mit dieser Botschaft rennt die Studie alles andere als offene Türen ein. Angesichts der ihm entgegenschlagenden massiven Abwehr fragte sich auch schon Rajendra Pachauri, der IPCC-Präsident und Friedensnobelpreisträger, ob man, wenn man fordere, dass sich der Lebensstil ändern müsse, eigentlich ein unanständiges Wort verwende.
„Vor allem haben mir die »Zeitfenster« gefallen, die nicht zuletzt als Gegengift zu den vielen ernüchternden, manchmal fast entmutigenden Fakten dienen.“
3. Mein dritter Punkt ist mit dem zweiten eng verbunden: Zu Recht bricht die Studie mit dem Tabu der Wachstumskritik. Die Autoren begründen sehr plausiblel, dass bei diesem Thema der Teufel eben doch im System sitzt. Eine Zeitlang, sagen auch sie, werden die Wachstumsraten durch den ökologischen Umbau zwar steigen - aber langfristig muss, um Klima- und Ressourcenschutz zu erreichen, Suffizienz hinzukommen, der Märkte wie des Konsums. Auch das wird vielen nicht gefallen, vor allem nicht kurz vor einer möglichen Rezession; einer Form der Wachstumsbeschneidung, die wegen ihrer sozialen Verwerfungen niemand begrüßen kann. Aber auch wenn sich die Banken- und Wirtschaftskrisen wieder einpendeln sollten, wird den Prozentpunkten gewiss weiter gehuldigt und ein Thema kleingespielt werden, über das dringend konstruktiv diskutiert werden sollte. Gewiss hat keiner den Stein der Weisen, wie man das Wirtschaften umstellen muss. Aber im Buch gibt es dafür viele gute Hinweise, etwa den Rückgriff auf einen Begriff aus den 70er Jahren, der ebenfalls in Vergessenheit geraten ist: Qualitatives Wachstum. Er ist aktueller denn je.
Das waren die für mich wichtigsten Anstöße des Buches, aber drei weitere Verdienste möchte ich noch kurz erwähnen:
- Viele Ausführungen sind ja tatsächlich nicht neu, aber dennoch müssen sie immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden. In diesem Dilemma haben die Autoren oft Begriffe gefunden, die auch Vertrautes noch einmal überraschend ins Licht rücken: »Solare Sparwirtschaft« etwa führt präzise die beiden wichtigsten Strategien zusammen, die so oft nebeneinander her operiert oder gar konkurriert haben: Energieeffizienz und Erneuerbare Energien - die aber nur gemeinsam ein klimaverträgliches Wirtschaft ermöglichen. Ähnlich bringen die »Tätigkeitsgesellschaft« oder die Option »Entwicklung statt Wachstum« elementare Ziele auf den Punkt.
- Die vielen konkreten Vorschläge und Leitbilder zum ökologischen Umbau der Gesellschaft bieten nicht nur gute Diskussionsanstöße; viele zeigen zugleich, dass man bei ihrer Umsetzung gewinnen kann.
- Vor allem haben mir die »Zeitfenster« gefallen, die nicht zuletzt als Gegengift zu den vielen ernüchternden, manchmal fast entmutigenden Fakten dienen. Indem sie mit einem Blick in die Zukunft Lösungsmöglichkeiten anschaulich schildern, nehmen sie die Angst vor einer so großen, abstrakten Dimension wie »Zivilisationswandel«. Zugleich zeigen sie, dass dieser Wandel an vielen Stellen längst begonnen hat.
Wie gesagt: In der Kürze konnte ich nur auf wenige Themen des Berichtes eingehen, anregend und aktuell sind auch seine kritischen Aussagen zur Welthandelsordnung oder zu den notwendigen Strukturen internationalen Regierens. Er betont dabei die Rolle Europas als Motor, und auch wenn viele sagen werden, das sei angesichts der internen Zerstrittenheit der Gemeinschaft naiv: Wer keine Ziele formuliert, der kommt auf seinen Wegen nun mal nicht weiter.
Ohnehin leben wir bei all diesen Fragen schon lange in einer Zukunftslosigkeit, die Alexander Kluge mit einem Filmtitel von 1985 benannt hat: »Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit«.
Es ist höchste Zeit, die Zukunft zurück zu erobern. Und auch die Vergangenheit. Heiner Geißler etwa hat jüngst eine intellektuelle Aufarbeitung gefordert: Mit welcher Art von Blindheit konnten wir uns in all die sich zuspitzenden Krisen hineinreiten, obwohl wir schon so lange so viel darüber wissen? Auch für diese Analyse leistet die Studie einen wichtigen Beitrag.
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