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11/ 2008 – zeitzeichen

Mut zum Wandel

Ein Kurswechsel ist möglich

Thomas Krüger

Die Analyse ist schonungslos: Klimachaos droht, Erdöl und Gas gehen zur Neige, Ökosysteme kippen. Die menschliche Zivilisation steckt gleich dreifach in der Krise. Der auf stetigem Wirtschaftswachstum und der Ausbeutung fossiler Brennstoffe beruhende Entwicklungsweg der westlichen Industriegesellschaft führt in die Sackgasse – nur noch zehn bis fünfzehn Jahre Zeit bleiben für eine Lösung: den Einstieg in die „Solar-Spar-Gesellschaft“. Das Szenario, dass die Forscher des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie zu Beginn ihrer Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ entfalten, muss jeden beunruhigen: ob Verbraucher, Arbeitnehmer, Politiker oder Wirtschaftslenker.

Die Expertise der Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen verhindert, dass dieser Warnruf als neuerliche Schreckensvision radikaler Umweltaktivisten abgetan werden kann. Mit verständlich dargebotenen Zahlen und Fakten untermauern die Autoren ihre Einschätzung der aktuellen Lage, ziehen eine kritische Bilanz bisheriger Klimaschutz- Anstrengungen und zeigen detailliert auf, wie der scheinbar unaufhaltsamen Katastrophe entgegen gesteuert werden kann.

Bei aller Deutlichkeit in der Analyse der globalen Krisen ist Zukunftsfähiges Deutschland aber auch ein Mut machendes Buch: Mut zum Engagement für nichts weniger als einen grundlegenden Wandel unserer Zivilisation. Zukunftsfähiges Deutschland bietet eine Zusammenschau der komplexen Problemlage, zeigt auf, wie umwelt-, wirtschafts-, sozial- und entwicklungsbezogene Herausforderungen ineinander greifen. Diese inhaltliche Vernetzung macht die Studie zu einer ausgezeichneten Grundlage der notwendigen gesellschaftlichen Debatte, die Brot für die Welt, der Evangelische Entwicklungsdienst und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland als Herausgeber anstoßen möchten.

Dass das Werk „totgelobt“ werden könnte, wie einst das gemeinsame Wirtschafts- und Sozialwort der Kirchen, ist nicht zu befürchten. Die Autoren initiieren bereits in der Einleitung die Kontroverse, wenn sie klarstellen, dass „der Kurswechsel auf Zukunftsfähigkeit“ in jedem Fall den „endgültigen Abschied vom Neoliberalismus“ verlangt. Der Markt sei blind für die Sache der Ökologie und der Gerechtigkeit, die Politik habe ihm Regeln zu setzen: Gemeinwohl vor Markt.

Weltpolitisch hat der Norden seine Hegemonie über den Süden aufzugeben – sein im wahrsten Sinne des Wortes „fossiles“ Wohlstandsmodell darf kein Vorbild für die Schwellen- und Entwicklungsländer sein. Die „globale Klasse der Hochverbraucher“ muss ihren Verzehr von Natur und Rohstoffen zurückschrauben, wenn das Lebensrecht der Armen gesichert werden soll. Hochverbraucher, das sind – global gesehen – in Deutschland 90 Prozent der Bevölkerung.

Die Studie stellt klar: Nur Forderungen an Politik und Industrie stellen gilt nicht. Es sind die alltäglichen Gewohnheiten, die weit über die Hälfte der Treibhausgasemissionen bewirken: Essen und Trinken, Wohnen und Infrastruktur, Transport von Personen und Gütern. Für die Öko-Szene halten die Forscher eine ernüchternde Erkenntnis parat: Ausgerechnet gut gebildete Bürger mit hohem Umweltbewusstsein weisen den höchsten Ressourcenverbrauch auf. Sie entscheiden sich zwar häufiger für umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen. Weil sie sich aber aufgrund höheren Einkommens mehr leisten können, wird dieser Effekt wieder zunichte. Vor allem von dieser Gruppe müsse ein „neues Verständnis von Konsum und Lebensführung“ ausgehen: „Sparsam im Haben, aber großzügig im Sein.“

Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. „Der Wandel ist schon im Gange“, resümiert die Studie. Wie Lösungen praktisch aussehen, verdeutlichen ne - ben den im Schlusskapitel genannten politischen Schritten die in das Buch eingestreuten „Schlaglichter“. Da werden auch Kirchen als Vorreiter präsentiert: beim öko-fairen Einkauf, beim Umweltmanagement in Gemeinden oder mit dem Solarzellen-Projekt für eine Klinik in Tansania. Ein gelungener Kunstgriff der Studie sind die „Zeitfenster 2022“. Sie zeigen, wie viel in Zukunft möglich ist, wenn jetzt die richtigen Weichen gestellt werden: 2022 überschreitet der ökologische Landbau erstmalig die 40- Prozent- Marke, und mehr als zwei Drittel aller Pkw sind Kleinwagen, die nur drei Liter auf 100 Kilometer schlucken.

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