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14. Oktober 2008 – Frankfurter Rundschau

Untüchtig zum Handeln

Umwelt- und Roffstoffverbrauch in Deutschland haben sich kaum verändert. Studie fordert Kurskorrektur

Joachim Wille

Deutschland gilt als Öko-Vorreiterland, das die Umweltbelastung deutlich gesenkt hat. Doch die Realität sieht anders aus. Der Umwelt- und Rohstoffverbrauch hat sich seit den 90er Jahren kaum verändert. Es gibt nur zwei Ausnahmen: Die direkte Verschmutzung von Luft und Wasser ist zurückgegangen, und erneuerbare Energien haben einen unerwarteten Aufschwung genommen.

Das zeigt die neue Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt". Sie wurde vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie im Auftrag des Umweltverbandes BUND, des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) und der Aktion „Brot für die Welt" erarbeitet.

Die Analyse zieht Bilanz zwölf Jahre nach einer Studie namens „Zukunftsfähiges Deutschland" vom gleichen Institut. Damals hatten die Umweltforscher Ziele definiert, die bis 2010 beziehungsweise 2050 erreicht sein müssten, um eine „nachhaltige Entwicklung" gemäß den Vorgaben des UN-Erdgipfels in Rio zu erreichen. Die Hauptfaktoren: Energie- und Materialverbrauch, Flächennutzung und Schadstoff-Ausstoß. „Im Rückblick... muss man insgesamt ein ernüchterndes Fazit ziehen", schreiben die Forscher.

Beispiel: Der Verbrauch von Primärenergie und anderen Ressourcen sollte um 30 beziehungsweise 25 Prozent sinken. Tatsächlich ist er zwischen 1995 und 2005 sogar um knapp zwei respektive fünf Prozent gestiegen. Dass der CO2-Ausstoß trotzdem um 5,2 Prozent gesunken ist, liegt am Wachstum von Windkraft, Biomasse- und Solarenergie.

Negativ ist die Entwicklung besonders beim „Bodenverbrauch". Jeden Tag gehen rund 118 Hektar Fläche durch Bebauung und neue Verkehrsflächen verloren - nur minimal weniger als 1995, damals waren es 120 Hektar. Dabei hatte die erste Wuppertal-Studie sogar einen Stopp des Flächenverbrauchs bis 2010 gefordert.

Die geforderte Umstellung auf ökologischen Landbau samt „Regionalisierung der Nährstoffkreisläufe" verläuft schleppend. Bis 2005 waren erst 4,7 Prozent der Fläche im Öko-Anbau. Gleiches gilt für das Ziel, den Waldbau naturnah umzugestalten.

Trotz der negativen Bilanz hegen die Forscher Hoffnung. In Politik und Wirtschaft habe sich „ein Gezeitenwechsel" vollzogen, attestieren sie. „Vorbei sind die Zeiten neoliberaler Euphorie und auftrumpfender Globalisierung", schreiben die Autoren, die ihre Studie noch vor dem jüngsten Finanzcrash abschlossen (siehe Interview). Allerdings warnen sie auch vor zu viel Optimismus. Nachdem die „kollektive Verdrängung" der Probleme vorbei sei, scheine eine „kollektive Schizophrenie um sich zu greifen" - man sei ausgerüstet mit Wissen, doch vielfach „untüchtig zum Handeln".

Trotz wegweisender Klima-Beschlüsse von Bund, EU und G8-Industriestaaten gehe „vieles weiter seinen gewohnten Gang". Beispiel Deutschland: Die Wissenschaftler erinnern an den Plan, 25 neue Kohlekraftwerke zu bauen, an die Ausbauprojekte der Flughäfen Frankfurt/Main und München, die ungebremste Zersiedelung der Landschaft. Ihr Fazit: „Die Eigenlogik eines Bereichs hintertreibt das für alle proklamierte Ziel".

Die Studie fordert eine Kurskorrektur in den nächsten zwei Jahrzehnten. Mut mache, dass der Wandel „von unten" schon im Gange sei – „vom Biolandbau zum Fairhandel, von Null-Energie-Häusern zur Solarindustrie, von Stadtteil-Initiativen zu globalen Forschungs-Netzwerken". Die Pioniere des Wandels brauchten allerdings Unterstützung: „Es ist an der Politik, zum Garant dieses Wandels zu werden".

BUND, EED etc. (Hrsg): Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt", Frankfurt a. M., Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2008, 14,95 Euro.

© GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH

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