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Rede von Hubert Weiger anlässlich der Präsentation der Studie am 14.10.2008 in Berlin

"Der Zusammenbruch an der Wall Street und die Krise der Finanzmärkte kommen nicht unerwartet: Seit vielen Jahren ist klar, dass wir auf Pump leben, dass es keine Regeln mehr gab, die wildesten Spekulationen zu verhindern, dass ganze Banken sich pur dem Investment und kurzfristigen Gewinnen verschrieben hatten. Auch mit der grenzenlosen Ausbeutung der Natur lebt die Menschheit auf Pump. Denn die natürlichen Ressourcen sind endlich, und die Menschheit hat die Tragfähigkeit der Natur bereits um ein Vielfaches überstrapaziert. Im Jahr 2007 haben die Menschen soviel Kohlendioxid freigesetzt wie noch nie in ihrer Geschichte. Das pessimistischste Szenario, das der Weltklimarat IPCC in seinem jüngsten Bericht angenommen hatte, ist damit übertroffen. Nach den aktuell vorgestellten Studien des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung u. a. wird der Meeresspiegel weit stärker ansteigen und die Erdatmosphäre sich entschieden stärker erwärmen als bislang angenommen. Immer sichtbarer werden schon heute die ökologischen Folgen. Es soll hier kein Schreckensszenario gezeichnet werden: Doch ein Kollaps der Natur wird nicht mit einigen staatlichen Milliardenhilfspaketen reparabel sein, noch nicht einmal mit wesentlich radikaleren Maßnahmen vergleichbar einer Verstaatlichung der Banken. Der dann entstandene Schaden wird irreversibel sein und die Existenz des Menschen gefährden.

Seit langem stellt sich der BUND gegen den Wachstumsglauben. Seit langem weisen wir darauf hin, dass pur quantitatives Wachstum einer zukunftsfähige Entwicklung zuwider läuft – einer zukunftsfähige Entwicklung, die auf einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur basiert, die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen respektiert und dem Gedanken der doppelten Gerechtigkeit entspricht: Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd, und zwischen den Menschen, die heute auf diesem Planeten leben, unseren Kindern und deren Kindern.

So offensichtlich wie in diesen Tagen war selten, dass eine zukunftsfähige Entwicklung mit dem vorherrschenden Wachstumsdenken nicht vereinbar ist, und dass die aktuelle Entwicklung – wie schon in der Vergangenheit – in hohem Maß auf  Kosten der Menschen in der Dritten Welt geht. Brechen die Finanzmärkte in New York, Frankfurt, Tokyo, London und Moskau zusammen, und die Regierenden der Ersten Welt beschließen in langen Sonntags- und Nachtsitzungen Rettungspakete für die angeschlagenen Banken – so steht hier im Vordergrund, die eigene Wirtschaft zu retten. Die investierten Gelder stehen für die Armen der Welt nicht zur Verfügung. Auch unter Naturkatastrophen wie Klimastürmen, Dürren, Hungersnöten und Überschwemmungen leiden in erster Linie die Menschen der Dritten Welt.

Dass die Prioritäten falsch gesetzt werden, wird in diesen Tagen besonders daran deutlich, dass die Industrienationen innerhalb weniger Tage in der Lage sind hunderte von Milliarden Euro zur Rettung der Geldwirtschaft bereitzustellen aber es in vielen Jahren nicht gelungen ist, 10 Milliarden zur Rettung der Natur im Rahmen der Biodiversitätskonvention aufzubringen. 
 
Die neue Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ kommt zu einer Zeit, in der wir alle vor größten Herausforderungen stehen. Sie ist keine Studie für einen kleinen akademischen Zirkel. Ihre Inhalte gehen uns alle an. Es hat sich gezeigt, dass der Markt es eben nicht „richten wird“. Nach einem Jahrzehnt der Globalisierung müssen die Staaten das Steuerruder wieder übernehmen. Für die gesellschaftliche Debatte, die wir als  Herausgeber anstoßen wollen, ist es höchste Zeit.

Die erste Studie Zukunftsfähiges Deutschland war Mitte der 90er Jahre Anstoß für eine Vielzahl zivilgesellschaftlicher Initiativen. Insgesamt hat sich in den letzten 12 Jahren in der Zivilgesellschaft viel bewegt. Stichwort Verkehrswende, Stichwort Energiewende: Der BUND hat wesentlich beigetragen zu den vorliegenden Konzepten und mit seinen 2000 Orts- und Kreisgruppen viele gelebte Projekte geschaffen: Fahrradnetzwege in Berlin, Münster und Freiburg, Anrufbusse in kleineren Ortschaften dünnbesiedelter Landstriche in Brandenburg und Mecklenburg Vorpommern, BUND-Regionalstrom in Ravensburg und andernorts in Baden-Württemberg, Energiesparprojekte für einkommensschwache Bevölkerungsschichten gemeinsam mit Wohlfahrtsverbänden. Das, was hier und dort begründet wurde, muss jetzt vergesellschaftet und überall zum Standard werden.

Gefragt sind eine Renaissance der Regionen, eine Stärkung der regionalen Wirtschaftskreisläufe, die konsequente Ökologisierung der Landwirtschaft und der Einstieg in die Solarwirtschaft (das bedeutet den Ausstieg aus Atomenergie und Kohle). Die Landesverbände des BUND und 2000 BUND-Gruppen können zusammen mit der evangelischen Kirche, den Volkshochschulen und anderen helfen, den Grundstein für die gesellschaftliche Debatte zu legen.

Doch handeln muss auch die Regierung: Gefragt ist jetzt eine Politik, die auf allen Ebenen und in allen Bereichen konsequent für ein Zukunftsfähiges Deutschland streitet. Es reicht nicht, Ziele zu setzen, die nicht – oder nicht ausreichend – mit politischen Maßnahmen verknüpft sind. Wir wollen keine Schönwetterreden mehr hören, deren Inhalte sich dann in der tatsächlichen Politik nicht wiederfinden.

Unser Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte bedeutet auch, dass wir mehr als bisher hinterfragen, wer zukunftsfähige Entwicklungen verhindert und wer sich für sie einsetzt. Und das wir nicht lockerlassen werden, auf die Diskrepanz zwischen Worten und Taten hinzuweisen. Mit der Studie werden wir viele Verbündete gewinnen, um gemeinsam auf ein sofortiges Handeln zu drängen."



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