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Rede von Cornelia Füllkrug-Weitzel anlässlich der Präsentation der Studie am 14.10.2008 in Berlin

Cornelia Füllkrug Weitzel, Vorsitzende von Brot für die Welt

„Es ist höchste Zeit für einen Kurswechsel. Viel zu lange schon leben wir in den industrialisierten Ländern über unsere Verhältnisse. Wir pflegen einen Lebens- und Produktionsstil, der die Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit unseres Planeten überdehnt. Wir beschneiden damit die Existenzrechte von vielen Hundert Millionen Armen in der südlichen Hemisphäre. Meine Vorredner haben bereits deutlich gemacht, wie sehr die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen und der Kampf gegen die weltweite Armut miteinander verschränkt sind. Diese beiden Krisen lassen sich nur bewältigen - das ist Ausgangspunkt unserer Studie -, wenn die Konsumgesellschaften des Nordens einen radikalen Wandel vollziehen: von einer Ökonomie der Maßlosigkeit zu einer Ökonomie des Genug.

 

Doch wie können wir diesen Wandel in Gang setzen? Und mit wem? Wie bringen wir auf den Weg, was auf den Weg gebracht werden muss? Das sind die Fragen, auf die wir Antworten brauchen. Denn an wissenschaftlich fundierten Diagnosen der globalen Probleme herrscht gewiss kein Mangel. Daher wird Ihnen vieles, was Sie in den Eingangskapiteln dieses Buches an Befunden zu Klimawandel, Peak Oil, Ernährungskrise etc. lesen, bekannt vorkommen. Aber dieses Buch und der Prozess, in den es eingebettet ist, geht über die bekannten Problemdiagnosen und die Darlegung guter Wünsche und Absichten hinaus, will mehr.

 

„Zukunftsfähiges Deutschland“ versteht sich als eine prophetische Provokation. Wir wollen den Anstoß für eine breite gesellschaftliche Debatte über notwendige Schritte zur Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft geben. Wir wollen neue gesellschaftliche Allianzen stiften und die Auseinandersetzung gerade auch mit jenen Interessengruppen führen, die nach wie vor auf eine Strategie des „Weiter so“ setzen.

 

Es liegt auf der Hand, dass bedrucktes Papier allein nicht hinreicht– schon gar nicht, wenn es sich um ein sperriges Konvolut von über 650 Seiten handelt –, um eine solche öffentliche Debatte in Gang zu bringen. Unser Engagement ist daher mit der Veröffentlichung des Buches nicht abgeschlossen, sondern fängt jetzt erst richtig an! BUND, EED und "Brot für die Welt" haben gemeinsam ein Konzept für die Öffentlichkeitsarbeit entwickelt, Unterrichtsvorschläge und AV-Medien, Gottesdienstentwürfe, Ausstellungen und Aktionsmodelle werden in den nächsten Wochen und Monaten ihren Weg in die Gruppen, Gemeinden, Institutionen, Medien und Bildungseinrichtungen finden.

 

Es geht uns dabei nicht um die Popularisierung von Konzepten und Handlungsmodellen, die wir für gut und richtig halten. Schon gar nicht präsentieren wir eigene. Vielmehr geht es uns um eine gemeinsame Suchbewegung. Wir wollen eine breite gesellschaftliche Verständigung über die Eckpunkte und Strategien für eine zukunftsfähige Entwicklung in globaler Verantwortung anstoßen, weil nur dies den notwendigen gesellschaftlichen Wandel initiieren kann.

 

Zur Komplexität unserer Weltverhältnisse gehört ja, dass es keine einfachen Antworten gibt, keinen einen Hebel, den man einfach umlegen könnte, um uns wieder aus der Sackgasse der globalen Entwicklung herauszuführen. Der anstehende Umbau von Konsum- und Produktionsmustern setzt in den Industriestaaten mehr als den politischen Willen von Regierungen und mehr als gesetzgeberische Maßnahmen voraus. Notwendig ist auch ein Zivilisationswandel, ein Wandel in unser aller Köpfe. So etwas lässt sich weder ex cathedra etwa von der Predigtkanzel verordnen, noch lässt es sich politisch von oben anordnen. Der Aufbruch zu einer zukunftsfähigen Entwicklung setzt auf die breite Mobilisierung der Zivilgesellschaft, er ist ohne die maximale Beteiligung einer kompetenten und engagierten Öffentlichkeit weder wünschenswert noch möglich.

 

Es ist eine Grunderkenntnis aus der Entwicklungszusammenarbeit mit den Ländern des Südens, die auch für den gesellschaftlichen Wandel in unserem eigenen Land gilt: „Menschen können nicht entwickelt werden, Menschen können sich nur selbst entwickeln“. Das trifft auch für die anstehenden Anstrengungen in Richtung auf Zukunftsfähigkeit im „Entwicklungsland Deutschland“ zu. Wir werden daher gemeinsam unsere Anstrengungen für einen ökologischen und entwicklungspolitischen Bewusstseinswandel verstärken. Und wir möchten Anstöße geben, um in unserer eigenen Gesellschaft konkrete Gestaltungskompetenz für eine zukunftsfähige Entwicklung aufzubauen.

 

Als kirchliche Entwicklungswerke ist uns dabei besonders daran gelegen, auch die Stimmen unserer Partnerorganisationen in aller Welt zu Gehör zu bringen. Sie sind in besonderer Weise betroffen von den Auswirkungen unserer Konsumgewohnheiten oder wirtschafts- und handelspolitischen Entscheidungen. Und sie haben weitreichende Erwartungen, was sich in Deutschland verändern sollte, damit der Süden seine legitimen Entwicklungsansprüche verwirklichen kann. Alleine schon die von den Partnern angemahnte Beachtung der einfachsten Anstandsregel in den internationalen Beziehungen, „do no harm“, richte keinen Schaden an, dürfte, wie die Konflikte um europäische Agrarexportpolitik zeigen, hierzulande zu heftigem Widerspruch Anlass geben.

 

Und schließlich sehen wir uns in dem Prozess, den wir nun mit dieser Studie angestoßen haben, auch selbst verpflichtet, Ernst zu machen mit der Zukunftsfähigkeit in unseren eigenen Institutionen und Einrichtungen. Wir sind uns sehr bewusst, dass hier noch vieles verbesserungsfähig ist, vom eigenen dienstlichen Mobilitätsverhalten bis zum Energiebedarf unserer Bürogebäude.

Die Forderung nach einem sozial-ökologischen Strukturwandel wird von vielen Mitbürgerinnen und Mitbürgern als Bedrohung des mühsam Errungenen und der liebgewordenen Selbstverständlichkeiten erlebt. Um so mehr wird es darauf ankommen, die Motivation für den notwendigen Wandel zu stärken und Alternativen positiv zu besetzen. „Gut leben statt viel haben“ lautet ein prägnantes Motto aus der Vorläuferstudie, das einen Ausweg aus den Illusionen der Konsumgesellschaft weist. Wenn Grundbedürfnisse befriedigt sind, macht Verzicht auf unnötigen Konsum frei, schont die Ressourcen der Welt und eröffnet den Verlierern der Globalisierung neue Lebenschancen. Dabei geht es nicht um eine sauertöpfische Moral der Enthaltsamkeit. Vielmehr geht es darum, der Fülle des Lebens jenseits der Pseudobedürfnisse, die uns die Werbung vorgaukelt, auf die Spur zu kommen. Ein erfülltes und gelingendes Leben zu führen, hat nicht in erster Linie mit der Erfüllung materieller Wünsche zu tun – vorausgesetzt natürlich, die existentiellen Grundbedürfnisse sind bereits befriedigt. (Wir reden hier nicht die Armut schön!) Das Evangelium verspricht Leben in Fülle für alle Menschen und für die ganze Schöpfung. Doch die Lebensfülle, die Jesus in Aussicht stellt, ist von anderer Art als die Glücksversprechungen der Konsumgesellschaft. Nicht der Besitz an Gütern ist es, der uns ein erfülltes Leben schenkt. Nach biblischem Zeugnis erwirbt ein Leben in Fülle, wer Schätze bei Gott sammelt – durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten, das heißt durch Taten der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit und des Friedens – durch Teilen und rücksichtsvollen Umgang mit den Mitgeschöpfen einschließlich der Umwelt.

 

Indem wir eine Umkehr anmahnen und Einspruch erheben gegen die Illusion eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums, werden wir Widerspruch ernten und Anstoß erregen. Das ist für ein kirchliches Spendenwerk durchaus mit Risiken verbunden, wie auch unsere katholische Schwesterorganisation Misereor als Mitherausgeberin der ersten Studie Zukunftsfähiges Deutschland vor 12 Jahren erfahren musste. Aber: die Studie hatte seinerzeit eine enorme, auch kontroverse Resonanz ausgelöst, wurde in einer Auflage von 35 000 Exemplaren verkauft, rund 100 000 Kurzfassungen in mehreren Sprachen wurden verteilt, und in über 1000 Veranstaltungen fanden allein im Jahr 1996 intensive Diskussionen statt. Sie hatte eine enorme Wirkung: Eine wissenschaftliche Untersuchung bestätigte, dass die Studie wesentlich dazu beigetragen hat, das Leitbild einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung in der deutschen Öffentlichkeit zu popularisieren.

 

Indes ist „Nachhaltigkeit“ heute längst zu einer Leerformel zerronnen, die inflationär und nach Belieben gebraucht wird. Die vorherrschenden Nachhaltigkeitsstrategien gaukeln uns vor, mit bloßen Modernisierungskonzepten, fortgesetztem Wirtschaftswachstum und technologischer Effizienzsteigerung die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft sicherstellen zu können. Von der Verletzung der legitimen Entwicklungsansprüche des Südens ist dabei meist nicht die Rede. Umso wichtiger scheint es uns, 12 Jahre nach der wegweisenden ersten Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ erneut Widerspruch anzumelden und die Nachhaltigkeitsdebatte wieder mit konkreten Leitbildern und Handlungsszenarien herauszufordern, die unsere globale Mitverantwortung in den Blick nehmen.

 

Für den Kurswechsel braucht es neue Gestaltungsperspektiven in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Und es braucht ein substantielles Leitbild, das den einschneidenden anstehenden Veränderungen in der breiten Öffentlichkeit zu Orientierung und Legitimation verhilft. Unsere gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit zu „Zukunftsfähiges Deutschland“ haben wir unter das Motto „Zukunft fair teilen“ gestellt. Wir hoffen, dass es unter diesem einprägsamen Slogan gelingen wird, der zerfaserten und verflachten Nachhaltigkeitsdebatte in unserem Land wieder Kontur zu geben und neue Weichen zu stellen."



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