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9. Oktober 2008 – DIE ZEIT

Besser! Anders! Weniger!

Das Wuppertal Institut will eine neue Nachhaltigkeits-Debatte provozieren. Nur das Wort "Verzicht" vermeiden die Experten.

Christiane Grefe

Deutschland im Jahr 2022. Schneller als gedacht ist das Land beim Klimaschutz vorangekommen. Ein Grund: Sämtliche Kommunen hatten die Ausrichtung ihrer Dächer aus der Luft per Laser scannen und die möglichen Erträge an Solarstrom oder -wärme berechnen lassen. Die Daten konnte jeder auf der Homepage seiner Gemeinde finden; das war ein Ansporn für Hausbesitzer und Unternehmer, alle geeigneten Flächen mit Anlagen für Fotovoltaik oder Solarthermie zu bestücken.

Dieses Szenario beschreibt das renommierte Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in einer neuen Studie. Ähnlich anschauliche Bilder
vom „zukunftsfähigen Deutschland in einer globalisierten Welt" malen die Autoren auch für viele andere Felder, vom Energieeffizienzfonds
über eine „Weltfairhandelsorganisation" bis zur Wirkungsdynamik ethischer Geldanlagen.

Solche praktischen Beispiele helfen gegen Kleinmut, mögen sich die 60 Experten unter Leitung des brillanten Soziologen Wolfgang Sachs gedacht

haben. Schließlich zielen sie mit ihrer Analyse der globalen „ökologischen

Raubwirtschaft" auf nicht weniger als einen „Zivilisationswandel“. Und erheben dabei einen radikalen Gerechtigkeitsanspruch: „Wer für Armutslinderung eintritt, ohne in Reichtumslinderung einzuwilligen, betreibt nichts weiter als Spiegelfechterei."

 

Mit derartigen Provokationen wird die Mammutstudie trotz ihrer bedrohlichen 655 Seiten die Hoffnung der Auftraggeber gewiss erfüllen: Fast zwei Jahre nach dem Klimaschock und den Bekenntnissen zur „großen Transformation" wollen der Bund für Umwelt und Naturschutz, der Evangelische Entwicklungsdienst und Brot für die Welt sowie diverse Stiftungen und die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken dem allgegenwärtigen Gewöhnungseffekt entgegentreten. Dabei spekulieren sie auf eine neue Debatte über Nachhaltigkeit, wie sie schon einmal vor zwölf Jahren ausgelöst wurde.

1996 hatte die Vorläuferstudie zu heftigen Kontroversen geführt. Der Präsident des Bauernverbandes lief Sturm gegen die Forderung, die Landwirtschaft auf ökologischen Anbau umzustellen. Der Spiegel hingegen kürte das Buch der Wuppertaler zur „grünen Bibel der Jahrtausendwende".

Die aktuelle Studie gesteht nun zwar zu, dass viele damals noch revolutionäre Vorschläge wie Ökolandbau, fairer Handel oder Windenergie mittlerweile alltagserprobt sind. Doch das Resümee bleibt bitter: Noch immer gründe
Deutschlands Wohlstand auf einer globalen „Umverteilung nach oben" sowie auf der Verlagerung der Umweltbelastung „nach draußen". Die Autoren diagnostizieren eine kollektive Per sönlichkeitsspaltung: „Unter
Heizpilzen werden Gerichte aus Biolebensmitteln serviert." Es sei bei „Kurskorrekturen" geblieben – „ohne Kurs wende".

Die wichtigste Ursache sehen die Experten in der „konzeptuellen Nachlässigkeit" der Politik. Das Thema Nachhaltigkeit sei als Teil eines Dreiecks aus den vermeintlich gleichwertigen Bereichen Wirtschaft, Umwelt und Sozialpolitik falsch verstanden worden. Die Ökologie müsse endlich Vorrang haben – das zeigten nun die zunehmende Ressourcenknappheit und der Klimawandel.

Die Rohstoffnutzung müsse deutlich verringert, das Wirtschaften naturverträglicher gestaltet werden, jeder Einzelne müsse sich beim Konsum begrenzen, fordern die Autoren. Die Wohlstandsnationen dürften sich nicht länger auf Wachstumsraten fixieren. Dabei klingt „besser, anders, weniger" zumindest nicht mehr so päpstlich wie das Reizwort Verzicht. In einer Gesellschaft mit mehr Teilhabe und neuen Arbeitsmodellen sehen die Autoren sogar neue Glückspotenziale.

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