2/2009 – zeozwei
Der Zwang zum Weniger
Manfred Kriener
Sagen wir es gleich am Anfang: ein großer Wurf! Was der Wissenschaftler Wolfgang Sachs und seine 60 Autoren mit der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ vorgelegt haben, hat die Substanz zur grünen Bibel. Die dicke Schwarte des Wuppertal-Instituts – herausgegeben von BUND, evangelischem Entwicklungsdienst und „Brot für die Welt“ – beschreibt die Folgen der „globalen Raubwirtschaft“ auf unserem Planeten mit einer Eindringlichkeit, der sich niemand entziehen kann. Die Qualität des Buches ist zuallererst seine Sprache. Nach mehr als 30 Jahren Umweltdiskurs, in denen die Inflation von Krisen und die sie begleitende Untergangsprosa eine dicke Hornhaut auf unsere Sensoren gelegt hat, schafft es die Studie Herzen und Hirne neu zu öffnen. Wie sie das macht? Mit leidenschaftlichem Ernst und gekonnter begrifflicher Zuspitzung. Das ist die Stärke von Sachs, die wir aus vielen seiner Bücher kennen. So gelingt es ihm, die Leser aus der Ohnmachtsfalle zu befreien.
"Nach mehr als 30 Jahren Umweltdiskurs, in denen die Inflation von Krisen und die sie begleitende Untergangsprosa...
Zugleich stellt er hartnäckig die soziale Krise neben die ökologische: „Umweltpolitik, die sich nicht gleichzeitig um Sozialpolitik kümmert, wird keinen Erfolg haben“, weil „ein ernsthaftes Umsteuern höchste Ansprüche an die Kooperationsfähigkeit der Gesellschaft“ stellt. Der einfühlende Blick auf die Habenichtse dieser Welt ist eine Besonderheit des Buches. Armut, Hunger und Krise der Gerechtigkeit sind für Sachs genauso wichtig wie Klima, Biodiversität und Ressourcen. Zukunft ist eben nicht ohne die „Achtung der Existenzrechte der Armen und Machtlosen auf dem Globus zu haben.“
...eine dicke Hornhaut auf unsere Sensoren gelegt hat, schafft es die Studie Herzen und Hirne neu zu öffnen."
Die Gegenüberstellung von Arm und Reich, Norden und Süden, von Bundesbürgern, die auf beheizten Restaurantterrassen Biokost mümmeln und indischen Textilarbeitern, die fürs erste Auto sparen, sorgt für heilsame Nachdenklichkeit. Mit weiteren zwei, drei Milliarden Menschen, die dem westlichen Wohlstandsmodell hinterherlaufen, wird der „Zwang zum Weniger“ für die Industrieländer immer größer. Für Sachs ist klar: „Armutslinderung ohne Reichtumslinderung“ funktioniert nicht.
Auf pointierte Analysen folgen Vorschläge, Leitbilder und Kurskorrekturen für einen Zivilisationswandel, die – wie könnte es anders sein – nur grobe Richtungsanzeiger sind. Die Abkehr von alten Wachstumszwängen bleibt der politische Kern. Das wichtigste Umweltbuch 2008 hat mit 656 Seiten „bedrohliche Ausmaße“ (Die Zeit), ist aber unentbehrlich.
„Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“, eine Studie des Wuppertal-Instituts, Fischer 2008, 656 Seiten,14,95 Euro.
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