1. Oktober 2008 – welt-sichten
„Das Wachstum muss verringert werden – aber nicht auf Null"
Selbstbegrenzung ist ökologisch nötig, doch in einer Marktwirtschaft schwierig.
Interview mit Hans-Christoph Binswanger
Das gegenwärtige Wirtschaftswachstum ist mit den Grenzen der Natur nicht vereinbar. Es trägt in den Industrieländern – anders als in armen Ländern – auch nicht mehr dazu bei, die Lebensqualität zu erhöhen. Deshalb, so betont eine neue Studie im Auftrag dreier Umwelt- und Entwicklungsorganisationen (siehe Kasten), benötigen wir ein grundsätzlich neues Entwicklungsmodell, in dem Wachstum nur eine Option unter anderen darstellt. Diese Forderung übersieht laut Hans-Christoph Binswanger jedoch die Ursachen des Wachstumszwangs.
Ludermann: Die Bundesregierung geht davon aus, dass man mit ökologischen Investitionen den Energie- und Rohstoffverbrauch vermindern kann, ohne das Wirtschaftswachstum zu vermindern. Ist das realistisch?
Binswanger: Nein. Die Erfahrung zeigt, dass mehr Effizienz nicht genügt. Wir müssen auch fragen, wie viel Wachstum genug ist. Man kann es zwar nicht auf Null reduzieren, muss es aber so weit verlangsamen, dass der Gewinn an Effizienz genügt, um den Energie- und Rohstoffverbrauch tatsächlich sinken zu lassen. Wenn der Rohstoff- und Energieeinsatz 10 Prozent effizienter wird, aber das Sozialprodukt um 20, 30 oder 40 Prozent steigt, ist nicht viel gewonnen. Im übrigen ist das weltweite Wachstum entscheidend: Dieses lag in den vergangenen Jahren pro Jahr bei fünf Prozent, demnächst rechnet man mit etwas weniger, aber immer noch mit drei bis vier Prozent. Das ist so hoch, dass selbst bedeutende Effizienzgewinne nicht genügen werden.
Ludermann: Beim Plädoyer für Selbstbegrenzung stimmen Sie demnach mit der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland 2“ überein?
Binswanger: Im Grunde ja. Was dort aber zu wenig thematisiert wird, ist der Wachstumszwang...
Interview: Bernd Ludermann
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Kasten: Studie zu Wegen in eine zukunftsfähige Gesellschaft
Bernd Ludermann
Das Entwicklungsmodell, das die Industrieländer verkörpern, stößt an seine Grenzen. Ein radikaler Kurswechsel ist nötig, wenn der Klimawandel auf ein verkraftbares Maß begrenzt und die berechtigten Entwicklungsansprüche der armen Länder ernst genommen werden sollen. Das betont die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“, die „Brot für die Welt“, der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Auftrag gegeben haben. Sie wollen damit eine Debatte über einen solchen Kurswechsel anstoßen. Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat die 660 Seiten starke Studie erarbeitet.
Danach stellen der Klimawandel, die Erschöpfung preisgünstiger Ölquellen sowie der Artenschwund eine umfassende Krise der gegenwärtigen Industriegesellschaft dar. Der Versuch, sie bloß technisch zu meistern – mittels Umstellung auf andere Energie- und Rohstoffquellen wie Bio-Kraftstoff und Atomenergie –, sei gefährlich. Nötig sei vielmehr der Übergang zu einer neuen „postfossilen Zivilisation“. Sie müsse – so die Vision – die Grenzen der Natur und zugleich die Prinzipien der sozialen wie der internationalen Gerechtigkeit achten. Das setze nicht nur eine neue Technik voraus, sondern auch neue Institutionen und Leitbilder.
Um ökologische Grenzen zu achten, müsse erstens die Wirtschaft dematerialisiert werden: Energie solle effizient eingesetzt, Rohstoffe zurückgewonnen, die Lebensdauer der Produkte verlängert und Dienste anstelle von Produkten verkauft werden (etwa Fortbewegung statt Autos). Zweitens müsse die Energieversorgung auf erneuerbare Energien umgestellt werden, die großenteils dezentral, aber großräumig vernetzt gewonnen werden. Drittens sei Selbstbegrenzung nötig – etwa ein Ende des „Beschleunigungswahns“ und weniger, aber bessere Güter.
Der Kapitalismus, so die Studie, beruht auf der Ausbeutung kostenloser Leistungen sowohl der Natur als auch des sozialen Lebens. Um das zu ändern, soll die Nutzung von Naturgütern – insbesondere des Bodens, der Luft und der Meere – streng begrenzt und kostenpflichtig gemacht werden. Mit Hilfe des Steuer- und Wettbewerbsrechts sollen Unternehmen gezwungen werden, in der gesamten Wertschöpfungskette soziale und ökologische Standards einzuhalten. Soziale Tätigkeiten sollten aufgewertet werden.
Die Veränderungen müssten mit einer Politik der sozialen Teilhabe einhergehen, um akzeptiert zu werden. Die Studie fordert Maßnahmen zur Umverteilung von Einkommen und Vermögen sowie eine flexible Verkürzung der Arbeitszeit, um die Erwerbsarbeit gerechter zu verteilen. Mit den Einnahmen aus Ökosteuern und ‑gebühren soll eine Sozialsicherung für alle geschaffen werden und langfristig ein Grundeinkommen für diejenigen, die unbezahlte soziale Leistungen erbringen – in der Familie oder mit ehrenamtlichem Engagement. International verlangt die Studie unter anderem, den Handel an den Menschenrechten und der Umweltverträglichkeit auszurichten; bilaterale Handelsabkommen seien dafür eine Nagelprobe.
Wie soll das durchgesetzt werden? Die Studie verweist darauf, dass soziale Bewegungen schon neue Techniken, soziale Modelle und Lebensstile entwickelt haben. Diese bisher auf Minderheiten beschränkten Ansätze könnten verallgemeinert werden – durch Nachahmung, unter dem Druck der Krise und mit Hilfe des Staates. Zwar sei der Widerstand in großen Teilen der Wirtschaftsverbände stark, aber für die Industrie werde ökologisches Wirtschaften zunehmend lukrativ. Wie der Staat, die Parteien und die Mehrheit der Bevölkerung schnell für so weitreichende Reformen gewonnen und der Widerstand der Lobbys gebrochen werden könnte, bleibt offen.
Die Studie knüpft an die Vorgängerstudie „Zukunftsfähiges Deutschland“ von 1996 an, die Leitbilder wie Entschleunigung und Selbstbegrenzung schon ausgearbeitet hat. Sie hat auch Ziele für die Verminderung des Naturverbrauchs in Deutschland gesetzt, von denen die meisten laut der neuen Studie nicht erreicht werden – trotz Fortschritten etwa beim Ausbau erneuerbarer Energien.
Die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ erscheint Mitte Oktober beim Fischer Taschenbuch Verlag. Eine Broschüre mit einer Zusammenfassung kann kostenlos auf www.zukunftsfaehiges-deutschland.de unter „Materialien“ bestellt oder heruntergeladen werden.
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