Michael Müller kommentierte die Studie bei der Präsentationsveranstaltung am 14. Oktober 2008 in Berlin.
Nachhaltigkeit darf kein Plastikwort sein
Ab und zu öffnet sich in der modernen Gesellschaft, deren Grundzug die permanente Selbstproduktion durch die technisch-ökonomische Dynamik ist, ein Fenster, das von der Politik genutzt werden kann, um eine Epoche zu gestalten. Der 32. US Präsident Franklin D. Roosevelt nannte eine derartige Weichenstellung ein Rendezvous mit dem Schicksal. Dann kommen Problemlagen, handelnde Personen und konkrete Utopien zusammen. Die Kunst von Politik und Zivilgesellschaft ist es, diese Glücksfälle zu erkennen und zu nutzen.
Derzeit stehen wir erneut an einer Weichenstellung. Die globale Finanzkrise ist mehr als die bekannten periodischen Übertreibungen in den Gewinnerwartungen. Tatsächlich erleben wir einen Epochenbruch, denn der Finanzkapitalismus stößt an Entwicklungsgrenzen, wobei erstmals in der Geschichte der Moderne vier große Herausforderungen zusammenkommen. Neben dem Zusammenbruch der Finanzmärkte sind das der Klimawandel und der dramatische Verlust an Biodiversität, die Verknappung und Verteuerung der Rohstoffe sowie Hungerrevolten in bereits mehr als 40 Staaten. Von daher reicht ein Krisenmanagement nicht aus, es geht um ein neues, zukunftstaugliches Zivilisationsmodell. das ökonomische Vernunft mit sozialer Gerechtigkeit und ökologischem Umbau verbindet.
Schon das gibt der Studie über ein zukunftsfähiges Deutschland eine herausgehobene Bedeutung. Wir brauchen die Debatte um Alternativen, denn die Geschichte ist nicht zu Ende. Francis Fukuyama hatte Unrecht. Das Ende der zweigeteilten Welt und die Beschleunigung der Globalisierung haben im Gegenteil viele Probleme erst richtig deutlich gemacht und sie zugespitzt. Von daher kommt die Studie zu einem richtigen Zeitpunkt. Auch ist es richtig, den engen Zusammenhang zwischen ökologischen und sozialen Herausforderungen herauszustellen. Nur eine Gesamtstrategie im Sinne der Nachhaltigkeit kann erfolgreich sein.
„Nachhaltigkeit darf nicht länger ein flexibles Plastikwort sein, das für alles und nichts gebraucht wird. Es ist eben nicht alles nachhaltig."
Ich will nicht verschweigen, dass aus meiner Sicht hinter vielen schönen Formulierungen in der Studie keine überzeugenden Konzepte stehen. Diese Kritik richtet sich nicht allein an die Autoren, sie spiegelt weit mehr unsere Zeit wider, in der viel Ende zu verzeichnen ist, aber wenig Anfang erkennbar wird. Und schließlich werden zentrale Fragen weitgehend ausgeblendet, insbesondere die von Macht und Herrschaft. Die Kritik am quantitativen Wachstum ist berechtigt, aber sie ist noch keine Antwort auf die Frage, wie ein neues Fortschritts- und Wohlstandsmodell gegen den Widerstand starker, oftmals monopolartig organisierter Wirtschaftsinteressen durchgesetzt werden kann. Ich gebe nur den Hinweis, dass von den 10 größten Unternehmen der Welt neun Multis aus dem Energie- und Ressourcenbereich kommen, der an der Ausplünderung der Natur hohe Profite macht.
Ein zukunftsfähige Gesellschaft muss auf der großen Leitidee der Nachhaltigkeit aufbauen. Sie darf nicht länger ein flexibles Plastikwort sein, das für alles und nichts gebraucht wird. Es ist eben nicht alles nachhaltig. Deshalb muss klar werden, was die regulativen Anforderungen und Normen dieser Strategie sind.
Wie elementar wichtig intakte Ökosysteme sind, hat der Umwelthistoriker Jared Diamond in seinem Bestseller „Kollaps“ beschrieben: Kulturen, die es nicht gelernt haben, ihre Mitwelt nachhaltig zu bewirtschaften, brachen zusammen: die Kulturen auf den Osterinseln, die Anasazi im heutigen Mittelwesten der USA, die Maya, die Wikinger auf Grönland. Diamond nennt auch China aufgrund seiner gravierenden Umweltprobleme einen „torkelnden Riesen“. Japan hat nach Jahrhunderten massivsten Kahlschlags eine nachhaltige Forstwirtschaft eingeführt und damit ein Schicksal wie das der Osterinseln abgewendet.
„Mit Suffizienz- und Effizienzstrategien allein kommen wir nicht zu den dringend nötigen absoluten Reduktionen im Energie- und Ressourcenverbrauch und zur Umweltentlastung."
Heute ist nicht mehr nur die lokale oder regionale Kultur bedroht. Global betriebener Raubbau, globale Energie- und Ressourcenverschwendung bedrohen das Leben auf dem ganzen Planeten. Wachsender Wohlstand zieht immer mehr Müll und Emissionen nach sich.
Die Umweltpolitik ist von daher eine Querschnitts- und Innovationsaufgabe. Notwendig ist eine Suffizienz-, Effizienz- und Konsistenzstrategie. Alle drei Strategien sind wichtig und gehören zusammen. Mit Suffizienz- und Effizienzstrategien allein kommen wir nicht zu den dringend nötigen absoluten Reduktionen im Energie- und Ressourcenverbrauch und zur Umweltentlastung.
Suffizienz, Verzicht, Einsparung, heißt nicht: Frieren, autolose Gesellschaft oder zurück ins 18. Jahrhundert. Suffizienz heißt z.B., die Leerlaufverluste bei Elektrogeräten zu reduzieren. Optimale Wärmedämmung bei Gebäuden und Stoßlüften statt ständig geklappter Fenster. Häuser so bauen, dass sie im Sommer keine Klimaanlage brauchen. Die Suffizienzstrategie fordert also Forschung und Entwicklung, aber auch ein anderes Verhalten der Bürgerinnen und Bürger.
Zur Suffizienz gehört auch der Verzicht auf Atomkraft. Wir können uns den Atomausstieg im Hinblick auf Versorgungssicherheit leisten und wir müssen ihn uns im Hinblick auf den Klimawandel leisten. Die Atomkraft ist nicht nachhaltig: Vor 22 Jahren brannte das AKW Tschernobyl. Atomkraftwerke sind und machen verwundbar. Der kurze Nutzen und der Hunderttausende Jahre strahlende Atommüll stehen in keinem Verhältnis. Atomkraft ist ein Innovationshemmnis, kann nur von Großunternehmen genutzt werden. Sie blockiert die Öffnung hin zu dezentralen, erneuerbaren Energiequellen, weil sie sich nur bei einer hohen Auslastung der Kapazitäten rechnet. Investitionsmittel stehen nicht der Entwicklung von erneuerbaren Energien und Effizienztechnologien zur Verfügung.
Bei der Energieeffizienz ist das Potenzial enorm. Norwegen, Dänemark und einige US-Bundesstaaten haben mit Effizienzfonds gute Erfahrungen gemacht, den Wandel vom Energieproduzenten zum Energiedienstleister zu gestalten, der nicht mehr an der verkauften Menge, sondern am möglichst sparsamen Verbrauch verdient. Klar ist, dass in Zukunft der Energieeinsatz pro Einheit des Bruttosozialprodukts die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes und die Investorenentscheidungen bestimmt. Deutschland will die Energieproduktivität bis 2020 verdoppeln.
Konsistent sind Lösungen, die in sich nachhaltig sind, aber Konsum möglich machen. Dazu zählt das Erneuerbare-Energien-Gesetz, womit bis 2020 ein Anteil von mehr als 30Prozent erneuerbaren Strom erreicht wird. Wärme aus Biomasse, Solarenergie und Geothermie können die Importabhängigkeit von Erdgas und Erdöl verringern. Im Kraftstoffbereich brauchen wir nicht nur Suffizienz und Effizienz, sondern auch Konsistenz.
Der erste Schritt zur Konsistenz ist die konsequente Trennung zwischen dem biologisch-kompostierbaren und dem technischen Stoffkreislauf. Man kann Produkte statt „Von der Wiege ins Grab“ nach dem Prinzip „Von der Wiege zur Wiege“ entwerfen, wenn eine Vermischung vermieden wird. Das A und O ist, Produkte so zu entwerfen, dass man die Rohstoffe möglichst rein zurück gewinnt und auf gleicher Qualitätsstufe weiter nutzen kann. Sinnvoll ist, den Rohstoffproduzenten und große Firmen, die die Ressourcen weiterverarbeiten, zusammenzubringen, damit sie die Produkte so gestalten, dass der Wertstoff zurück zum Materialproduzenten fließt. Der Rohstoffproduzent wird dann die Rohstoffbank für die Abnehmer, die Wertstoffe eine Zeitlang in Form von Produkten benutzen dürfen. Die weltweit wachsende Nachfrage nach Rohstoffen macht solches „Intelligent Materials Pooling“ zur Ressourcenstrategie der Zukunft.
Kurz: Die wichtigste Aufgabe der Studie ist es, eine Debatte anzustoßen, die Nachhaltigkeit konkret macht. Also: Beginnen wir damit.
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