Alfred Buß kommentierte die Studie bei der Präsentationsveranstaltung am 14. Oktober 2008 in Berlin.
Eine Industriegesellschaft im Klimawandel
Theologischer Impuls zur Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ von Präses Alfred Buß, Evangelische Kirche von Westfalen
„Es ist beängstigend – die Dinge geschehen sehr, sehr schnell“. So lautete vor drei Wochen der zusammenfassende Kommentar von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in Washington und Paris eine neue Klimastudie vorstellten. Und sie meinten damit den rasanten Anstieg des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre. Seit dem Jahr 2000 wächst er viermal schneller als im Jahrzehnt zuvor - trotz aller Bemühungen, die Treibhausgasemissionen durch internationalen Abkommen und Verpflichtungen zu mindern.
Wir erkennen immer deutlicher, wie sehr die Umwelt- und Ressourcenkrise Armut verschärft, Entwicklungsmöglichkeiten untergräbt, Ungerechtigkeit verstärkt und weltweit Leben bedroht. Zugleich erleben wir Tag für Tag, wie kurzfristige Renditeerwartungen und Machtsicherung Vorrang vor langfristigen Gewinnen und dem Wohlergehen aller Menschen erhalten. (Die Folgen dieser Gier sind ja mittlerweile auch auf den Finanzmärkten zu besichtigen!) wenn wieder einmal ein Stück Klimaschutz im Gestrüpp von Lobbyinteressen hängen bleibt, wenn auf Lebensmittel an den Börsen spekuliert wird, wenn das Brot der Armen in den Tank der Reichen wandert, wenn auf zahlreichen Konferenzen symbolische Politik betrieben wird und wichtige Zeit zum Handeln ungenutzt verstreicht. Ich gebe unserer Bundeskanzlerin vollkommen recht, wenn sie betont, kein Mensch habe per se das Recht, dem Klima mehr Schaden zuzufügen als andere. Aber was unternehmen wir? Was unternimmt die Bundesregierung wirklich dagegen? ... die Zeit drängt.
Vor diesem Hintergrund bin ich dem Wuppertal Institut sehr dankbar für die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“. Und ich beglückwünsche auch die Herausgeber BUND, EED und Brot für die Welt dazu. Sie haben das Projekt an so mancher Klippe vorbei gesteuert. Und so hoffe ich, dass diese Studie eine große Resonanz erfährt und an vielen Orten vorgestellt und diskutiert wird. Sie liefert reichlich Stoff (und hoffentlich auch konstruktiven „Zoff“ für die Diskussion mit Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft, aber auch Kirchen, für überregionale Foren und auf Podien, für Akademie -Tagungen, für Gruppen in Kirchengemeinden, für Projektwochen in Schulen und in der Jugendarbeit. So manches, das weiß ich aus meiner Kirche, ist da ja schon in Planung!
„ ... mutiger Gegenentwurf zur Tristesse und Visionsarmut – vielleicht auch Visionslosigkeit – des politischen Alltags ..."
Leider wird heute "Nachhaltigkeit" beziehungsweise "Zukunftsfähigkeit" als Füllwort in abstrusesten Formen und Kontexten benutzt. Alle Global Player, die etwas auf sich halten und eine „profilierte“ Öffentlichkeitsarbeit betreiben wollen, etikettieren sich als „nachhaltig“. Erst recht in der Politik wird das Wort „Nachhaltigkeit“, das vor 10-15 Jahren noch gar im Schwange war, inflationär gebraucht. Nachhaltigkeit wurde dadurch zu einem „Containerbegriff“, groß aber hohl, und verkam zu einer oft belanglosen Beschwörungsformel für das Siegel „irgendwie gut für die Zukunft“. So darf es nicht weiter gehen!
Die Studie des Wuppertal-Instituts macht nun einen neuen, hoffentlich erfolgreichen Anlauf, das Leitbild Nachhaltigkeit sozialethisch und politisch zu schärfen. Das ist gut so!
Die Studie ist ein mutiger Gegenentwurf zur Tristesse und Visionsarmut - vielleicht auch Visionslosigkeit - des politischen Alltags. Diese Studie kommt zur rechten Zeit und ist von großer Bedeutung gerade jetzt, wo es darauf ankommt, entscheidende Weichen in der Energie- und Klimapolitik zu stellen gerade jetzt, wo die Krise auf den Finanzmärkten – so schlimm ihre Auswirkungen auch sind – Gestaltungschancen eröffnet, dem „Casino-Kapitalismus“ der letzten zwei Jahrzehnte ein Ende zu bereiten, gerade jetzt, wo eine „Wirtschaft im Dienst des Lebens“ neu buchstabiert werden muss und kann!
Aber - was gibt uns Kraft angesichts unserer alltäglichen Erfahrungen dafür zu arbeiten? Jeder und jede von uns mag diese Frage sehr persönlich beantworten können. Ich nenne hier wichtige Aspekte des christlichen Glaubens.
Es lohnt, beim Kirchenvater Augustin nachzulesen, wie dieser „Hoffnung“ beschreibt. Nach Augustin hat die christliche Hoffnung zwei liebliche Töchter: den Zorn und den Mut. Den Zorn, damit das Nichtige nicht bleibe - und den Mut, damit das, was sein soll, auch sein wird. Ich spüre: dieser „produktive Zorn“ Augustins kann einen auch beim Lesen der Studie überkommen. Besonders dann, wenn man die Ist-Analysen der Studie studiert. Gleichzeitig laden die visionären Wendeszenarien dazu ein, mutig zu sein und das unter den gegebenen Bedingungen bisher Undenkbare zu denken - nicht „nur“ zu denken, sondern auch „anzupacken“! Augustin spricht, mit seinem Wort über die Hoffnung die Grundhaltung unseres christlichen Glaubens an: Sie lautet im guten Kirchenlatein: „Spes contra spem“, (Röm 4,18), „Hoffnung gegen alle Hoffnung“.
„Und am Ende der Debatte sollte nicht nur eine weitere kräftige Vision stehen, die uns vorantreibt, sondern auch ein generationenübergreifender Gesellschaftsvertrag „zur zukunftsfähigen Entwicklung“."
Aus dem Glauben, dass die Welt nicht so bleiben wird, wie sie ist, können Christen Kraft schöpfen, das Gegebene, die sog. Sachzwänge zu überschreiten. Dafür ist die Studie Zukunftsfähiges Deutschland eine Ermutigung. Sie hält der deutschen Gesellschaft und ihren Verantwortungsträgern einen Spiegel vor. Sie hilft vermeintliche Sachzwänge zu hinterfragen, bestehende Blockaden zu erkennen und dabei auch „Ross und Reiter“ zu benennen. Sie ist ein Wissensfundus, ein Speicher gefüllt mit Innovationen für eine Gesellschaft, die achtsam und solidarisch mit ihren nahen und fernen Nächsten umgehen will. Die Studie stellt ökonomische Dogmen, wie die des Zwangs zum quantitativen Wachstum in Frage. Sie kritisiert den individualisierten Leistungsfetischismus in unserer Gesellschaft.
Die Studie trägt den Untertitel: „Ein Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte“ Ich sage gleich: Das ist mir zu wenig!! Es darf nicht nur bei einem „Anstoß zur Debatte“ um ein zukunftsfähiges Deutschland bleiben. Diese Debatte muss nun auch (sozusagen im 2. Anlauf) zielgerichtet und handlungsorientiert zu Ende geführt werden! Die Zeit drängt, stärker als noch vor 10 Jahren. Und am Ende der Debatte sollte nicht nur eine weitere kräftige Vision stehen, die uns vorantreibt, sondern auch ein generationenübergreifender Gesellschaftsvertrag „zur zukunftsfähigen Entwicklung“. Dort sollte ein Gesellschaftsvertrag stehen mit zentralen Rahmensetzungen für eine öko-soziale Marktwirtschaft, für die Gestaltung der internationalen Handels- und Finanzbeziehungen, für eine gerechte Entwicklungszusammenarbeit mit dem Süden und nicht zu letzt sollten darin auch Rahmenbedingungen für die zukünftige Energie- und Klimapolitik enthalten sein.
Mir ist bewusst, dass so etwas nur auf der Ebene eines „zukunftsfähigen Europas“ umsetzbar ist. Die hoffentlich nun verstärkt einsetzte Debatte um ein zukunftsfähiges Deutschland kann aber hierzu einen wichtigen Beitrag leisten!
Zukunftsfähigkeit ist zwar kein genuin biblischer Begriff, aber dennoch steht der Gedanke einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung implizit im Zentrum jüdisch-christlichen Schöpfungsglaubens. Nachhaltige Entwicklung ist explizit ein Leitbild der ökumenischen Sozialethik.
Kann man schöner und treffender nachhaltige Entwicklung beschreiben als im 3000 Jahre alten zweiten Schöpfungsbericht unserer Bibel? „Und Gott setzte den Menschen in den Garten, dass er ihn bebaue und bewahre.“ (Gen 2,15) “Bebauen und Bewahren!“ - Der Mensch darf seine Lebenswelt gestalten. Er soll den Boden kultivieren und bestellen, ohne dabei jedoch die Lebensgrundlagen zu zerstören. Der Mensch soll lernen, auf eine Weise zu leben und zu arbeiten, dass die Kontinuität des Lebens auf der Erde bewahrt bleibt.
Gott krönt sein Schöpfungswerk am 7. Tag mit der Ruhe. Er krönt es mit dem Sabbat. Die Krone der Schöpfung ist nicht der Mensch! Erst die Ruhe bringt die Schöpfung zum Abschluss. „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: „Es war sehr gut." (Gen 1,31). Die biblische Tradition sieht in dieser Ruhe Gottes ein Vorbild für den Menschen und begründet damit gleichzeitig eine wichtige „Maß“ - nahme für sein Tun. Auch hier werden wieder enge Bezüge zum Leitbild „Zukunftsfähigkeit“ deutlich: Die Botschaft lautet: Nicht im ewigen Fortschritt, nicht in der permanenten Steigerung - im immer schneller, höher, weiter - liegt das Heil. Die Schöpfung wird vollendet im „Ruhen lassen können“.
In der jüdisch-christlichen Tradition sind Entwicklung und Fortschritt demnach kein besinnungsloses „Weiter so!“, sondern ein Prozess, der aus Aktion und Reflektion besteht. Ruhe ermöglicht Rückblick und Ausblick, Ruhe ist die Grundvoraussetzung für die Übernahme der besonderen Verantwortung für die Zukunft der Schöpfung, in die der Mensch - im Unterschied zu allen anderen Geschöpfen - berufen wurde.
„Nach uns die Sintflut!“ kann dann unser Lebensmotto nicht sein. Die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat (Gal. 5.1), ist auch eine Befreiung eine Freiheit zur Selbstbegrenzung. Eine Selbstbegrenzung, die die Würde und die Freiheit anderer Menschen, zukünftiger Generationen und die Bewahrung der Schöpfung zum Maßstab hat. Sie ist eine Freiheit zu einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung.
Präses Alfred Buß von der Evangelischen Kirche von Westfalen hielt dieses Statement über die Kirchen und ihren Beitrag zu einem zukunftsfähigen Deutschland am 14. Oktober 2008 im Auditorium Friedrichstraße anlässlich der Veröffentlichung der Studie "Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt".´
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