14. Oktober 2008 – Frankfurter Rundschau
„Das Neue wächst im Schoße des Alten heran"
Wolfgang Sachs über Chancen und Risiken für Wirtschaft und Umwelt nach dem Zusammenbruch des Finanzkapitalismus
Interview mit Wolfgang Sachs
FR: Die aktuelle globale Finanzkrise lässt Umweltfragen in den Hintergrund rücken. Bietet diese Krise auch Chancen, ein ökologischeres und global gerechteres Wirtschaftssystem zu gestalten?
Sachs: Schwer zu sagen, der Staub der einstürzenden Banken ist noch nicht verflogen. Aber die Implosion des Finanzkapitalismus eröffnet in der Tat neue Aussichten. Die Jagd nach spekulativ überhöhten Renditen hat die Realwirtschaft oft gezwungen, Gewinne auf Kosten von Umwelt und Fairness zu machen. Das könnte sich ändern. Ferner hat sich mit dem Crash die Philosophie der Deregulierung der Märkte selbst zerstört.
FR: Wie sollte ein neues Wirtschaftssystem beschaffen sein?
Sachs: Das Gemeinwohl muss wieder Priorität vor den Märkten gewinnen – ohne dieses Prinzip gibt es keinen Weg zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft. Auf der anderen Seite aber wird sich die aufziehende Rezession negativ auswirken: Beim kommenden Überlebenskampf in der Wirtschaft wird manche Industrie alles dransetzen, um für die Kosten der Natur nicht aufkommen zu müssen.
FR: Glauben Sie tatsächlich, dass die Globalisierung wieder zurückgedreht werden kann?
Sachs: Aber das geschieht doch gegenwärtig vor unseren Augen! Die real existierende Globalisierung war unhaltbar, deshalb fällt sie uns auf die Füße. Die Welt in eine Arena globalen Wirtschaftwettbewerbs zu verwandeln, ohne vorher für eine politische Ordnung zu sorgen, kann nur schiefgehen. Übrigens nicht erst seit dem Börsenkrach: Klimachaos, Peak-Oil, Nahrungskrise werden ja schon seit geraumer Zeit durch die Globalisierung beschleunigt.
FR: Was braucht es also?
Sachs: Erstens weniger Globalisierung, stattdessen mehr regional verdichtete Wirtschaften. Und zweitens eine politisch gestaltete Globalisierung, wo Rücksicht auf Umwelt und Menschenrechte als Leitplanken für die Wirtschaftsdynamik wirken. Es ist schizophren: Man weiß, was zu tun ist – in Ökologie, Energie- und Naturschutzpolitik, Nord-Süd-Ausgleich. Aber Politiker und Unternehmer tun es nicht.
FR: Wer soll den Wandel bringen?
Sachs: In zahlreichen Unternehmen, Verwaltungen, Haushalten finden kleine und größere Veränderungen statt, aber eine Kurswende ist das noch nicht. Der Wandel kann zustande kommen einerseits durch Schocks von außen, andererseits durch Minoritäten, die innerhalb der Gesellschaft neue Optionen vorbereiten und realisieren. Besser, anders, weniger. So lautet ihre Faustformel für ein zukunftsfähiges Wirtschaften.
FR: Und wie sollen sich solche Minderheits-Modelle durchsetzen?
Sachs: Ressourceneffizientes Design und naturverträgliche Energien gewinnen bereits an Terrain. Es ist ganz unübersehbar, wie das Neue im Schoße des Alten heranwächst. Hätten wir eine öko-soziale Marktwirtschaft, die über Grenzwerte und Anreize dem Markt die Richtung weist, hätten wir einen Staat, der auf allen Ebenen beim Einkauf für Büros, Kantinen und Gebäuden öko-fairen Produkten den Vorzug gibt, dann würde sich das Kräftefeld für Märkte verändern. Offen bleibt dabei allerdings, wie wir das "Weniger" schaffen können. Das wird nur gehen, wenn wir den Wohlstand jenseits von Wirtschaftsgütern entdecken: Entschleunigung, urbane Städte, Freundschaft, Selbsttätigkeit.
Interview: Joachim Wille
© GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH
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