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Vorwort

1992 verpflichteten sich auf der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 178 Staaten auf die Agenda 21, die Agenda für eine umweltverträgliche, sozial gerechte und ökonomisch tragfähige Entwicklung im 21. Jahrhundert. Es bestand Konsens, dass Umwelt und Entwicklung zusammen gedacht werden müssen und gemeinsame Lösungen brauchen. Es bestand Konsens, dass die Produktions- und Konsummuster der Industrieländer sich ändern müssten. Was bedeutet dieser Konsens praktisch für ein westliches Industrieland wie die Bundesrepublik Deutschland? Die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland – Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung "beantwortete 1996 diese Frage mit Fakten, Zielen, Maßnahmen und Leitbildern, eine Studie, die die Umweltorganisation Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die katholische Entwicklungsorganisation Misereor gemeinsam herausgaben und die vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie erarbeitet wurde.

Die Herausgeber brachten mit der Studie eine breite gesellschaftliche Diskussion – mit allein 1000 Veranstaltungen im Jahr 1996 – und viele lokale Agenda-21-Prozesse auf den Weg. Die Studie hat die Diskussion um Nachhaltigkeit geprägt, mit dem Konzept des Umweltraums, dem ethischen Anspruch aller Menschen auf gleiche Nutzungsrechte an den globalen Umweltgütern. Dieses Konzept ist heute Basis der internationalen Klimaverhandlungen.

Warum haben sich erneut eine Umweltorganisation, der BUND, und die Entwicklungsorganisationen Brot für die Welt sowie Evangelischer Entwicklungsdienst zusammengetan und eine neue Studie beim Wuppertal Institut in Auftrag gegeben? Ist nicht Nachhaltigkeit in aller Munde, in der Wissenschaft, bei Politik und Wirtschaft? Und haben nicht der Klimawandel spätestens seit Al Gores Kinofilm und die Armut in Afrika mit Bob Geldorfs Konzerten das Bewusstsein der breiten Massen erreicht? Gibt es nicht ernsthafte nationale politische Anstrengungen mit der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, dem Klimaschutzprogramm, der Biodiversitätsstrategie und international mit der Klima- und Biodiversitätskonvention?

Eine Seite der Medaille. Die andere Seite: Grundlegende Veränderungen wurden nicht erreicht. Die Vielfalt an Tieren und Pflanzen schwindet weiter in Deutschland, Europa und weltweit. Der CO2-Gehalt in der Atmosphäre steigt weiter an, der Klimawandel ist in Gang und seine Folgen sind sichtbar.

Dennoch gab es etwa im Verhältnis von Nord und Süd bemerkenswerte Entwicklungen, etwa in der Diskussion um den Schuldenerlass, im Zusammenhang mit der Erkenntnis der negativen Wirkungen unserer Subventions- und Handelspolitik bis zur politischen Aufmerksamkeit für die Millenniumsentwicklungsziele. Aber auch hier sprechen die Fakten eine nüchterne Sprache: Armut kennzeichnet die meisten Entwicklungsländer. Der wirtschaftliche Aufschwung in den Schwellenländern geht einher mit massiver Umweltzerstörung und wachsender sozialer Ungleichheit.

Darüber hinaus gibt es Anzeichen, dass beim Kampf gegen den Klimawandel Strategien ergriffen werden, die unsere Probleme in die Länder des Südens verlagern und dort die Naturzerstörung und die sozialen Probleme verschärfen. Beispiele hierfür sind der Anbau von Biomasse für Agrotreibstoffe oder die Nutzung gentechnisch veränderter Energiepflanzen, die neue, untragbare Risiken mit sich bringen.

Es gibt auch positive Entwicklungen. Der Boom der erneuerbaren Energien etwa, aber auch die vielen gesellschaftlichen Initiativen vor Ort, bei uns wie in den Ländern des Südens, in den Städten und auf dem Land, die Zeichen setzen, dass Nachhaltigkeit nicht nur ein theoretisches Konzept bleibt, sondern praktisch umsetzbar ist.

Doch die Wende zu einer Politik der Nachhaltigkeit ist offenkundig noch nicht gelungen, weder national noch international. Es zeigt sich immer deutlicher: Kleine Kurskorrekturen reichen nicht. Größere Kursänderungen sind von der Politik offenbar nicht gewollt. Nachhaltigkeit wird als weiteres Qualifizierungsmerkmal unseres bisherigen Wirtschafts- und Politikkurses assimiliert und domestiziert: Von der Nachhaltigkeitsstrategie für die Politik, Corporate Social Responsibility für die Wirtschaft, bio-faire Produkte für die Konsumenten. Das zeigt die gute Absicht, und die tut nicht weh. Die Hoffnung, die damit verbunden wird, heißt, dass die ökologische Modernisierung der Industriegesellschaft die Umweltprobleme über technische Innovationen lösen wird, unsere Exportwirtschaft davon profitieren wird und die Länder des Südens durch verstärkte Integration in den Globalisierungsprozess auf den Wachstumspfad gebracht werden. Die Industrieländer, so die Botschaft der Politik, werden weiter wirtschaftlich wachsen, die Schwellenländer und die Entwicklungsländer ebenso – Umwelt- und Armutsprobleme werden dadurch gleichzeitig auch noch gelöst.

Diesen Spaziergang in die schöne, heile Welt des nachhaltigen Wirtschaftswachstums stellt die Studie »Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt« infrage. Das Modell grenzenlosen materiellen Wachstums in einer physisch begrenzten Welt ist überholt. Die Studie wagt einen Blick auf einen grundlegenden Wandel: Welche Veränderungen sind nötig, damit Deutschland zukunftsfähig wird und seinen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Welt leisten kann? Welche internationalen und nationalen Regeln und Institutionen sind nötig, welche Veränderungen in Politik, Wirtschaft, Konsum, Produkten und Lebensstilen, in Arbeitswelt und Freizeit, in Technik, sozialem Zusammenleben sowie in unserer Kultur? Die Studie gibt Anregungen, macht Vorschläge, entwickelt Konzepte, skizziert Visionen. Dabei wird die Dimension der Aufgabe deutlich, aber auch die Möglichkeiten zum Handeln. Deshalb ist es ein nüchternes und kritisches Buch – aber auch ein motivierendes.

Die Herausgeber möchten mit der Studie »Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt« den Anstoß für eine breite gesellschaftliche Diskussion geben, die der historischen Dimension der Herausforderung der Nachhaltigkeit gerecht wird und für die Zukunft entschiedenes gesellschaftliches Handeln auf allen Ebenen voranbringt. Das Zeitfenster für Maßnahmen, um den Klimawandel auf ein einigermaßen vertretbares Maß zu begrenzen, umfasst 10 bis 15 Jahre. Es ist also höchste Zeit für einen Kurswechsel.

Die Erarbeitung der Studie wurde begleitet von einem intensiven Diskussionsprozess in und zwischen den herausgebenden Verbänden. Die Übereinstimmung mit den Grundaussagen der Studie schließt unterschiedliche Sichtweisen zu einzelnen Punkten nicht aus. Die wissenschaftliche Verantwortung für die Inhalte der Studie liegt beim Wuppertal Institut.

Viele Menschen haben haupt- und ehrenamtlich die Entstehung der Studie mit Hinweisen, Kritik und Anregungen fachlich begleitet. Ihnen gilt der Dank der Herausgeber. Danken möchten wir auch den Mitgliedern des wissenschaftlichen Projekt-Beirats, der vor allem in der Startphase wichtige Hinweise auf Spuren gab, die es mit Blick auf ein zukunftsfähiges Deutschland zu verfolgen gab: Prof. Dr. Martin Jänicke, Dr. Reinhard Loske, Dr. Konrad Raiser und Prof. Dr. Klaus Töpfer.

BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland
Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender
Dr. Angelika Zahrnt, Ehrenvorsitzende

Brot für die Welt
Cornelia Füllkrug-Weitzel, Direktorin

Evangelischer Entwicklungsdienst
Dr. Konrad von Bonin, Vorstandsvorsitzender



Wenn Sie mehr erfahren wollen, können Sie hier die neue Studie "Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt" bestellen.


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