Die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung ist in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft unstrittig. Doch der Einsicht in die Notwendigkeit fehlt ein gesellschaftliches Klima, das darauf drängt, sie in politisches Handeln umzusetzen, Nachhaltigkeit ganz oben auf die Liste der Prioritäten zu setzen. Zu beobachten ist vielmehr:
- eine extensive Nachhaltigkeitsrhetorik – vor allem über die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie,
- große Begeisterung über Win-Win-Situationen durch Effizienzsteigerungen, die Fragen nach der Zukunftsfähigkeit unserer Produktions- und Konsummuster ausklammert,
- ein Wachstumsvorbehalt in allen entscheidenden (Umwelt-)Fragen,
- eine diskurs- und entscheidungsregulierende Dominanz des Mythos’ von (Voll-) Beschäftigung durch Wachstum,
- das müde Lächeln von Medienvertretern über Fragen der Nachhaltigkeit, die dem "Publikum" nicht zu vermitteln seien.
Deshalb brauchen wir einen gesellschaftspolitischen Richtungswechsel. Deshalb brauchen wir eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, wie wir unser Land zukunftsfähig machen können – in internationaler Verantwortung.
Eine solche Debatte ist nicht nur notwendig, sondern auch möglich. Zum einen ist das Bedürfnis nach gesellschaftspolitischer Orientierung, nach ethisch tragfähigen Zielen jenseits des Durchwurstelns unübersehbar. Zum anderen hat die Resonanz auf die 1996 von BUND und MISEREOR herausgegebene Studie "Zukunftsfähiges Deutschland. Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung" gezeigt, welche Impulse und Bewegungen eine faktenbasierte Vision von Nachhaltigkeit anstoßen kann. Das Leitbild "gut leben statt viel haben" traf einen zentralen gesellschaftlichen Nerv. "Zukunftsfähiges Deutschland" vermochte es, die öffentliche Diskussion über nachhaltige Entwicklung zu strukturieren und zu orientieren. Zudem war die Studie ein wichtiger Impuls für die Entwicklung der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie.
Und last but not least bleiben Entwicklungen, die in die falsche Richtung gehen, nicht unwidersprochen. Immer mehr Menschen wehren sich – zum Beispiel gegen den Kohletagebau und neue Kohlekraftwerke, gegen den Ausbau von Flughäfen und die Freisetzung von Genpflanzen. Und das mit Erfolg: Sechs der ursprünglich geplanten 25 Kohlekraftwerke konnten bisher verhindert werden. Die Gründung gentechnikfreier Regionen geht voran. Mitte 2008 bewirtschafteten fast 28 000 Landwirte in über 180 Regionen eine Fläche von knapp einer Million Hektar gentechnikfrei. Auch die Zahl gentechnikfreier Kommunen steigt.
Das Miteinander von Entwicklungsorganisationen und BUND kann dazu beitragen, auf weiteren Feldern Entwicklungen hin zu mehr Nachhaltigkeit anzustoßen.
Prof. Dr. Hubert Weiger
Vorsitzender des BUND